Archive for Mai, 2012

“Aufstand im Doppelbett” funktioniert nur zu zweit

Tina Teubner amüsierte nicht nur Frauen

Das tyaufstandplakatphotopische Instrument für die Kabarettistin, Musikerin und Chansonnette Tina Teubner? Die singende Säge. Nicht, weil die Teubner dieses Instrument selbstredend beherrscht wie ihre Violine. Nein. Weil die Zacken der Säge einem Haifischgebiss gleichen. Und weil Tina Teubners zunächst harmlosen Texte mit einem Zack so bissig werden können, dass jedes Haifischgebiss dazu nur grinsen kann.
Tina Teubner setzt so bereits zu Anfang ihres Programms “Aufstand im Doppelbett” Maßstäbe. Sie kokettiert mit ihren 1,62 Metern Körperlänge und singt: “Ich bin so klein, weil ich beim Küssen den Himmel sehen will; ich lege still den Kopf in meinen Nacken, … und du guckst in Hundekacke(n).” So kriegen die Männer während des ganzen schönen Abends in der Katt ihr Fett weg. Und - es ist kaum zu glauben - auch die Männer scheinen es zu genießen. Vielleicht weil Teubners derzeitiger Lebenspartner Ben Süverkrüp mit auf der Bühne sitzt und sie sehr erfolgreich am Piano unterstützt? Wer während des Programms nicht nur Tina im Blick hat, sondern zuweilen auch Ben beobachtet, der stellt schnell fest: Ohne ihn wär’s nur halb so schön. Ben sitzt da, spielt himmlisch Klavier, schaut ihr zu, macht auch schon mal den Souffleur, lächelt vor sich hin und genießt (auch) seine Tina. Da kann sie noch so böse sein wie: “Vor acht Jahren ist das Glück in Form meines Mannes zur Tür hereingekommen - mein Mann ist immer noch da.” Oder diesem virtuellen Klischee-Prachtstück “dialektisch” - also im schlechtesten Hessisch - die Leviten lesen.

Gegenseitiges Verständnis

Der genießende Mann lächelt und schweigt. Er kann sich schon auf seinen Samstagvormittag im Baumarkt freuen und neue Holzverkleidungen aussuchen. Weiß er doch - und das hat uns Tina verschwiegen - dass sie dann endlich ungestört durch ein schwedisches Möbelhaus stromern kann, um die Wohnung mit noch mehr “praktischen” Staubfängern auszustatten, die er dann wiederum baumarktmäßig verkleiden kann. Und wenn Tina und Ben während eines vermeintlichen Paar(ungs)-Streits beide gleichzeitig und exakt übereinstimmend übereinander herfallen, dann steckt darin sehr viel gegenseitiges Verständnis. Und das spürten auch die anwesenden Männer, die zu dieser Ladies Night mitgehen mussten. So legte unvermittelt ein Mann den Arm um seine Partnerin, die eher das Gegenteil der von der Teubner verspotteten, vom Brottrunk genährten Reformhausverkäuferin verkörperte.
Und deswegen, liebe Tina Teubner, haben wir Männer auch das Programm genossen. Weil ein Aufstand im Doppelbett bedeutet, dass darin zwei liegen. Und wir schauen beim Küssen nicht auf Hundekacke. Wir schauen beim Küssen in die Augen der Frau, die dank uns den Himmel sehen kann.
Auftritt: Wermelskirchen, Kattwinkelsche Fabrik, Samstag, 28. April, 2012
[Photo: Tina Teubner]
www.tinateubner.de

Ralph Kiefer - The Soul Session: one

Süßer Senf und Sommerabendwind

1967 brachte der Soulsänger Arthur Conley seinen Hit “Sweet Soul Music” unters Volk. “Süßer” Soul? Das ist wie süßer Senf - erst zuckrig und gemütlich, dann scharf und anregend. Gleichwohl Geschmackssache. “Soul Music” muss sich stets die Frage gefallen lassen: Wo steckt er denn, der Soul? Machen es die musikalischen Rosinen, die Schärfe des Funk, oder ist es das berühmte “Feeling” der Musiker - Phrasierung, Rhythmus und zündende, zuckrige Melodien? Es ist alles und gar nichts; der Soul ist einfach da, und jeder muss ihn für sich selbst entdecken. Wie ein kitschiger Sommerabendwind, der manche kalt lässt, andere zum Frösteln bringt und wieder andere zum Schmelzen. Ralph Kiefers Album “The Soul Session: Cover 1one” hat Sommerabendwind-Funktion. Mit allen Facetten. Der Song “Underneath” zeigt es. Er ist bezeichnend für das gesamte Album. “Underneath”: Das heißt hier “irgendwie da unten”, dort, wo es nicht sofort sichtbar ist. Und dort wird’s interessant. “The power that you have is underneath your skirt”, singt Karl Frierson mit einer Stimme, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Klar, dass das Zwischenmenschliche bei der “Soul Music” eine gewichtige Rolle einnimmt, wie im Leben sowieso.

Geht unter die Haut

Richtig interessant wird etwas immer dann, wenn es etwas zu entdecken gibt. Der Jazzpianist, Bandleader und Komponist Ralph Kiefer hat viel Soul in diesem Album untergebracht. Weit vorbei am herkömmlichen, abgelutschten, weich gespielten Mainstream. Deswegen wird er es so genannt haben. Dieser Soul - wo immer er auch steckt - ist cool, hat Power, geht unter die Haut, reizt den Intellekt, plätschert auch mal vorbei, winkt herüber, streichelt und provoziert. Süßer Senf und Sommerabendwind gleichzeitig. Gut geeignet für das Zwischenmenschliche. Es gibt viel zu entdecken auf diesem Album. Vor allem aber: Soul.

Ralph Kiefer The Soul Session: one
featuring Anaj, Bajka, Declaime & De-Phazz-Singer Karl Frierson

1. Struggles & Blessings Feat. Bajka 4:36
2. Root Down Feat. Kay Fischer 3:21
3. Soul Desire Feat. Karl Frierson 6:03
4. S.O.S. Suite - Intro 1:34
5. S.O.S. Suite - S.O.S. Feat. Declaime 4:32
6. S.O.S. Suite - Take Off And Fly 6:56
7. S.O.S. Suite - Coming Home 3:57
8. Yeahyeahyeah 1:52
9. Woman And Man Feat. Anaj 6:10
10. Underneath Feat. Karl Frierson 4:45
11. Hamjam (Tofu Mix) 5:48
12. Light My Fire 5:10
13. Horse With No Name Suite - Desert Intro 3:01
14. Horse With No Name Feat. Karl Frierson 4:39
15. Horse With No Name Suite - Out Of The Rain 3:09
Gesamtlänge 65:03

Cover Foto: Irene Zandel
Artwork: Thomas Heisecke / Neue Sachlichkeit
www.ralphkiefer.com
www.agogo-records.com

Quadro Nuevo “in Concert” - fast wie im Studio

Wo auf einem Album “in Concert” draufsteht, sollte “live” drin sein. Das aktuellste Album des Quartetts “Quadro Nuevo” ist betitelt “in Concert”. Das ist offenbar für die vier Musiker nicht dasselbe wie “live”. “Fresh from the stage” (frisch von der Bühne), heißt es im Klappentext der CD. Die Bühne befand sich iCoverm Lustspielhaus München des Jahres 2011. Das Album sei während vier Live-Aufnahmen dort aufgenommen worden. “Frisch” allerdings ist etwas anderes. Natürlich, Quadro Nuevo spielen über jeden Zweifel erhaben. Keine Frage: Ob im Studio, ob auf der Bühne - sie können es.

Kein Leben im Zuschauerraum

Doch dieses “Live”-Album transportiert seelenlose Studio-Atmosphäre, wie es angesichts der Klasse des Quartetts nicht zu erwarten ist. Selbst der Beifall nach den Stücken “Canzone della Strada” - hier sogar zusätzlich mitten im Stück nach Percussion-Solo - sowie “Miserlou” und “Paprika” wirkt fehl am Platze. Er klingt wie nachträglich reingeschnitten. Dazwischen keine(!) Ansage, kein Räuspern, kein Stühlerücken, (fast) kein Leben im Zuschauerraum - nichts. Eine stürmisch geforderte Zugabe? Muss erraten werden.
Jeder, der Quadro Nuevo schon mal quicklebendig auf der Bühne erlebt hat - zum Beispiel in der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen -, weiß, wozu dieses Quartett fähig ist. Da wackelt, wenn es sein muss, die Bühne, da schlägt die Phantasie Purzelbäume. Die durch die Musik erzeugten Bilder im Kopf erstrecken sich von Okzident bis Orient und noch viel weiter. Es kommt alles zutage, was irgendwie klingt. Und das Publikum geht angesichts dessen mit. Es kann gar nicht anders, als sich zu bewegen. Rhythmisches Stampfen bearbeitet den Fußboden, das (Mit-)Klatschen der Hände bei Szenenapplaus ertönt aus jeder Ecke, und gigantisches Gejohle am Ende eines Stückes feuert die Musiker an, noch eins draufzulegen. Nichts von alledem ist auf diesem Album zu hören. Zwar wird niemand daran zweifeln, dass dieses Album Quadro Nuevo “in Concert” zeigt, aber es wirkt merkwürdig steril. Da bietet die DVD “Grand Voyage” mit einem visuellen Konzertmitschnitt ungleich mehr.

Mulo Francel: Saxophone, Klarinetten
D.D. Lowka: Kontrabass, Perkussion
Andreas Hinterseher: Akkordeon, Vibrandoneon, Bandoneon
Evelyn Huber: Harfe, Salterio

01. Tu vuo’ fa’ l’Americano - 4:33 (Carosone)
02. Giovanni Tranquillo - 5:01 (Lowka)
03. Luna Rossa - 3:19 (Matassa/Vian)
04. Sultana - 5:27 (Quadro Nuevo)
05. Canzone della Strada - 5:11 (Francel)
06. Paroles, Paroles - 5:43 (Ferrio)
07. Miserlou - 5:58 (trad./Arr.: Quadro Nuevo)
08. Prinzessin Josefina - 6:13 (Hinterseher)
09. El Choclo - 6:00 (Villoldo, Arr. Quadro Nuevo)
10. Susannata - 5:38 (Francel)
11. Cancao do Mar - 7:03 (Trindade)
12. Paprika - 5:53 (Francel)
13. Gracias a la Vida - 4:20 (Parra Sandoval)
14. Für mich soll`s rote Rosen regnen - 3:11 (Hammerschmid)
Gesamtlänge 73:38

www.quadronuevo.de
Cover: Mike Meyer
Label: www.glm.de Fine Music