Es gibt Fotos, die fristen ein vergessenes, digitales Dasein im Datenfriedhof auf der Festplatte des Computers. Andere Fotos haben es zur kümmerlichen Anteilnahme gebracht. Sie zittern im Familienalbum ihrer Entsorgung entgegen. Und dann gibt es Fotos, die hängen an der Wand. Da hängen sie dann. Ein Tupfer auf der Tapete, ein Flecken auf Weiß, Beachtung heischend.
Fotos teilweise inszeniert
Die Fotos des Fotografen Sebastian Eichhorn haben das nicht nötig. Der Betrachter schenkt ihnen mehr als einen flüchtigen Blick. Er bleibt unwillkürlich stehen. Ohne dass er’s bemerkt, knüpfen Eichhorns Fotos Bande. Der Hingucker schenkt dem Bild mehr als einen Gedanken. In seinem Kopf beginnt es zu rumoren. “Einiges ist so gewollt”, erläutert der 30-jährige freie Fotograf. Er habe manche Bilder - für alle gut sichtbar - inszeniert. Einige Themen entwickelten sich erst bei der Nachbearbeitung. Und natürlich gebe es auch Schnappschüsse. Lebte er im Vor-Computer-Zeitalter, dann würde er vermutlich viel Zeit in der Dunkelkammer verbringen.
Fotos erzählen Geschichten
Begonnen hat Eichhorn mit Konzertfotos. Sie zeigen nahezu ohne Ausnahme Saitenzupfer und Schlagzeuger, wie sie in sich versunken zu Werke gehen. Beseelt von Inspiration und der Begierde, sie nach außen zu tragen, wirken die Musiker authentisch. Im Foto scheint die Musik zu schwelgen, der Musikerschweiß beginnt zu dampfen und damit zu riechen, der Stahl der Saiten rutscht über die Zunge des Beobachters - Musik mit allen Sinnen ins Bild gepresst.
Ein gutes Bild ist für den Fotografen ein “Bild, aus dem der Betrachter eine Geschichte für sich herausnehmen kann”. Solche Geschichten gibt es viele, je nach Perspektive. Auch seine dokumentarischen Aufnahmen vermitteln Geschichten, und natürlich vor allen Dingen die Fotos, die Eichhorn “gesellschaftskritisch” angelegt hat. Die Abbildung mit dem Titel “Ehrenwert” zum Beispiel zeigt eine Frau, die wie hingeworfen auf einem Waldboden liegt. Davor - lediglich angedeutet - ein Mann mit einer Machete in der Hand. Motiv und Titel werfen Fragen auf, betont der Fotograf. Ist es ehrenwert, für die vermeintliche Familienehre ein Menschenleben zu opfern? Und ist die Frau ehrenwert,
weil sie ihr Leben selbst in die Hand nimmt? Das Foto gibt darauf keine Antworten, die muss sich der Betrachter schon selber suchen. Und zwar bei allen Bildern. Das lohnt sich allemal.
Also: Hin zur Cobra Solingen und angucken. Öffnungszeiten siehe Internet. Die Fotos sind noch bis Sonntag, 28. November, zu sehen. Sebastian Eichhorn ist Student der Fotoakademie Köln und nennt sich selbst seit zwei Jahren Fotograf.
Fotos: Sebastian Eichhorn