Archive for the 'Rezensionen' Category

Das Lächeln der Lux auf ungewissem Spielfeld

LUX feat. Reentko CD “Playground”

Auf dem Cover ihres neuesten Albums “Playground” hockt Christina Lux im grünen Gras, schaut sinnend in die Ferne und lächelt. Am Himmel schimmert Blaues durch Wolkenschleier. Eine nette Spielwiese (”playground”) hat sie sich da ausgesucht, mitten in der Natur - zum Hinlegen und Dösen allerdings weniger geeignet: Die Halme werden in der Nase kitzeln, vielleicht verbirgt das Grüne einen Kuhfladen, es könnte Regen geben. Nicht jede Spielwiese bietet pure Freude, nicht jeder Sandkasten ist frei von Hundekot. Aber genau so ist das Leben, und Christina Lux lächelt, weil sie es kennt: “Immer dann, wenn Dinge oder Menschen sich verabschieden, haben wir die Chance, unser Leben neu zu sehen und unseren Spielplatz zu entdecken. Immer wieder neu. Das braucht manchmal Mut, aber am Ende ist es etwas Großartiges”, sagt sie. Diese (Lebens-)Erfahrungen brauchen nicht nur Mut - sie machen auch Mut. Weil wir daran wachsen können.
Presse Playground Cover

Ihre Erkenntnisse hat Lux auf ihrem “Spielfeld” - ihrem siebenten Album - versammelt. Und herausgekommen ist auch musisch etwas Großartiges. Die wahre Größe zeigt sich meistens ohne großes Geschrei und ohne viel Radau. Authentizität will wahrgenommen werden. Intensität wirkt dichter, je weniger drum herum passiert. Folgerichtig ist es ein sanftes Album geworden. Es hätte sogar noch weniger Studio-Finesse gut vertragen. Gitarrist und Perkussionist Reentko ist auch nicht auf umfangreiche Technik angewiesen. Ich stelle mir vor, das Album klänge so minimalistisch wie Bruce Springsteens “Nebraska”. Zubehör: mitten auf dem “Playground” nichts als Gras und Gitarre. Das würde des Zuhörers Aufmerksamkeit anziehen wie ein lang ersehnter Liebesbrief. So machen sich freilich manche Stücke - im Reigen nacheinander gehört - hinter den eigenen schläfrigen Wimpernvorhang aus dem Staube. Na ja, immerhin versüßt das Lächeln der Lux die Träume. In den Texten steckt viel Poesie - jede Menge Nachdenken und noch mehr Gefühl. Und sogar deutsche Texte! Die treffen live vermutlich direkt, die englischen Sätze werden es ein wenig schwerer haben. “Die Ungewissheit bleibt, so wird es immer sein”, singt Christina Lux in “Es ist gut so”.

Wie sie beim Publikum ankommen wird, das wird sich zeigen:
Samstag, 4. Februar, 20 Uhr in der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen.

LUX feat. Reentko CD “Playground”
© 2012 Prudence
Songliste: 1. Forget you 3:36 | 2. Playground 2:44 | 3. Es ist gut so 3:15 | 4. May I ask you 3:08 | 5. Close to the tide 4:16 | 6. Paper Airplane 3:49 |
7. Embrace 3:38 | 8. Sanctuary 4:18 | 9. War torn 3:19 | 10. Vergehen 2:32 | 11. Defenses 3:35 | 12. Head held high 3:44 | 13. Longing 3:59 |
14. Mothersong 3:04
Spieldauer: 50 Minuten
Gastmusiker Mohi Buschendorf (Bass), Stephan Braun (Cello) und Stephan Emig (Drums)
www.christinalux.de www.reentko.com
Cover-Foto: Thorsten Wingenfelder

Die Wahrheit muss raus!

Axel Pätz - Die Ganze Wahrheit

Wie viel Wahrheit ist zu ertragen? Axel Pätz, der norddeutsche “Tastenkabarettist” (Pätz), teilt das Wissen um die Wahrheit auf: Wahrheit light, classic oder premium. Das Publikum in der Katt qualifizierte sich durch den Zuruf richtiger Antonyme auf Adjektive wie “hoch” und “weit” für die ungeteilte brutale Premium-Wahrheit. Wobei anzumerken ist: Pätz scheint sie zu kennen, die ganze ungeschminkte Wahrheit. Ein Alles-Wisser? Oder vielleicht aucapz dgw fotokgz1-kleinh nur ein Besser-Wisser?
Das spielte in seinem Programm “Die Ganze Wahrheit” freilich nur eine untergeordnete Bedeutung. Um alles zu (er)klären reicht eh die Zeit nicht. Also beschränkt er sich - auf unser alltägliches (Er)Leben. Er spricht und singt und grinst und mimt und erläutert erbarmungslos hintergründige Weisheiten über Geburtstrauma, Alters-Demenz, Ikea-Shopping, Bio-Läden, Krabben-Brötchen, familiäre Kommunikation in Google-Zeiten, zivilen Ungehorsam und die Etikette des Umarmens. Sein Credo: “Die Wahrheit muss raus!” Und wenn diese Wahrheiten jemand verinnerlicht hat und trotzdem noch am Leben ist, dann ist er ein Held. Das Publikum wurde so zum kollektiven Helden. Ein Held zu sein - das ist natürlich ein schönes Gefühl. Es macht das Leben ein wenig leichter angesichts der Verhältnisse, in denen wir unser Dasein fristen.

Rabenschwarzer Humor

Pätz läutete das Zeitalter der “Hypo-Real-Ästheten” und der selbst ernannten Bestatter ein, die die eigenen Säuglinge in der Tiefkühltruhe entsorgen. Alles grandios verpackt. Im Schuhplattler-Lied “Baby on the Rocks” bekommt der Ausdruck “Konserv(e)-atorium” eine ganz andere Bedeutung. Es erinnerte in Text und erbarmungsloser Komik an Georg Kreislers Klassiker “Geh mer Tauben vergiften im Park”. Dadurch, dass Pätz die Wahrheiten über die heldischen Zeitgenossen in der Kreditanstalt und vor der Kühltruhe unter ein Thema stellte, hielt er allen den satirischen Spiegel vor: Von wegen, schuld seien immer nur die anderen. In der weiten Bandbreite zwischen abgesahntem Gewinn und fassungslosem Grauen konnte sich jeder irgendwo wiederfinden. Mit Pätz’ rabenschwarzem Humor fiel es allerdings leichter.
Der Kabarettist empfahl Hundekot als “Neurodermitis-Prophylaxe”, banalisierte seine “tüdelige” Mutter zum Gespött der Leute und riet: “Bringen Sie doch mal einfach jemand um!” Angesichts derlei Weisheiten mischte sich zum Lachen schon mal ein Würgen in der Kehle - solche Helden wollen wir natürlich nicht sein. Zum trotzigen Trost möbelte er anschließend sein Publikum in der stürmisch geforderten Zugabe wieder auf: “Morgen gründen wir ‘ne Bank.” Das Publikum freute sich diebisch darüber - und lief blindlings in die Pätz-Falle. So viel besser wie die anderen sind wir vermutlich gar nicht: Und das ist Pätz’ “Ganze Wahrheit”.
Foto: Thomas Häntzschel, Rostock
Auftritt: Wermelskirchen, Kattwinkelsche Fabrik, Freitag, 13. Januar
www.axelpaetz.de

Rätselhafte Reise ins Turtleland

Phishbacher - Journey to Turtleland

Rätsel sind angesagt bei diesem Album “Journey to Turtleland” von Phishbacher. Um den Namen der Band zu verstehen, muss er gehört werden. Dann klingt’s wie “Fischbacher” - und genau so heißt er auch, der Jazz-Pianist und Bandgründer Walter Fischbacher. Geboren in Österreich, lebt er nach seinem abgeschlossenen Studium - Klassisches Piano, Komposition und Jazz-Piano - seit 1994 in New York. Dort hat er in der Szene einen klangvollen Namen. Bei uns gibt’s noch Entwicklungsmöglichkeiten.
Cover Journey to Turtleland
Ein Österreicher, der mit dem Keyboard im Jazz Furore macht - das hatten wir doch schon mal. Richtig: Joe Zawinul, Tastenmann bei Weather Report und Komponist solcher Dauerbrenner wie “Mercy, Mercy, Mercy” und “Birdland”. Sehr oft stellt sich der weltweite Erfolg ein, kommt der Künstler mit seinem Werk um die richtige Ecke. Diese Ecke scheint Walter Fischbacher noch zu suchen. An der technischen musikalischen Finesse seines neuesten Albums “Journey to Turtleland” wird es wohl nicht liegen. Dafür ist es einfach zu gut gemacht.

Zusammen mit Goran Vujic (bass) und Ulf Stricker (drums) liefert Fischbacher mit europäischer Gründlichkeit ein Fusion-Album ab, das Herz und Sinn gleichermaßen entzückt. Auf Track Drei, “Media Luna”, verstärken Pete McCann (guit) und Max Klaas (perc) die atmosphärische Dichte, im neunten Stück, “Froggy Style”, ist der Gitarrist Axel Fischbacher - die beiden Fischbachers sind nicht miteinander verwandt - zu hören. Alles in allem leben alle elf Stücke vom dynamisch-treibenden Spiel der tiefen Töne - Bass und Keyboard in gleichem Maße. Vom Bassisten Goran Vujic stammt auch sinnigerweise das Stück “Bass Killer”, die anderen hat Walter Fischbacher geschrieben. Sein Keyboard-Spiel hat von jedem etwas, ohne im Einerlei zu versinken. Wunderschöne, beinahe lyrische Sequenzen wechseln sich zum abgezirkelten Zeitpunkt mit filigran-virtuosem Gedudel ab - die Band geht mit, und heraus kommt Musik zum Zuhören, zum Mitgehen, zum intellektuellen, verständnisreichen Kopfnicken, zum biegsamen Lächeln. Dabei gibt der Bass weitreichend den Rhythmus an, Drummer Stricker liefert dazu die notwendigen und markanten Akzente.

Zu allem mundet der samtige Rotwein genau so wie das herbe, allerdings gepflegte Pils. Wie bei den Getränken, schmeckt auch dieses Album am besten, wird es mit Aufmerksamkeit genossen. Sonst kann es zum Mysterium werden.
Schwieriger als die Bedeutung des Bandnamens gestaltet sich die Lösung des Rätsels, das im kryptischen Titel “Reise ins Schildkrötenland” (deutsch) verborgen ist. “Turtleland” ist doch hoffentlich nicht eine mickrige Insel im “Birdland”? Noch schleierhafter ist das Cover: Irgendwer beamt ein Mädel in die Lüfte, und der Hund, dieser Köter, schaut einfach nur zu.
Hoffen wir, dass diese Rätsel zu einem guten Omen führen - dann findet sich ja vielleicht noch die richtige Ecke für ganz großes Glanz und Gloria.

Phishbacher - Journey to Turtleland

Walter Fischbacher (keys) - Goran Vujic (bass) - Ulf Stricker (drums)
feat: Pete McCann, guit (track 3) - Max Klaas, perc (track 3) - Axel Fischbacher, guit (track 9)
Titel:
1. Kyrillian Predator 2:45 - 2. Single B 6:03 - 3. Media Luna 5:59 - 4. Turtleland 6:55 - 5. Lulu’s Revenge 8:48 - 6. Almost Number One 6:08 - 7. Undo This! 7:50 - 8. Bass Killer 8:29 - 9. Froggy Style 5:21 - 10. Timeless 7:24 - 11. EZ Breezie 8:37

www.walterfischbacher.com - www.popup-records.de - www.in-akustik.de

Bergisches Gitarrenfestival 2012 - von Bach bis BeatBox

Das Bergische Gitarrenfestival in der Akademie Remscheid verbindet musikalische Welten. Klassik, Neue Musik, Pop und Rock sowie Jazz bauen Brücken zueinander bei Musikern und Zuhörern.

Rund 30 Gitarren erklangen zum Abschluss des Bergischen Gitarrenfestivals. Da zupfte die ganz junge Gitarristin neben dem alten Dozentenhasen und der klassische Saitenzupfer zusammen mit dem rockigen Saitenquäler die Ensemble-Version eines amerikanischen Traditionals. Vorne dirigierte der musikalische Leiter des Festivals, PICT6433-kleinProfessor Dieter Kreidler. Er hatte wie immer alles im lockeren Griff und lieferte mit seinem Ensemble traditionell DEN emotionalen Höhepunkt dieser Seminarwoche.

Kreative Atmosphäre

Musik verbindet. Diese Sprache versteht jeder. Sie bildet das Fundament der äußerst kreativen Atmosphäre, die zwischen Teilnehmer und (Gast-)Dozenten herrscht. Berührungsangst? Nicht vorhanden. Der progressive Jazzer widmet sich dem blutigen Anfänger mit der gleichen Intensität wie der Musikprofessor seinem Meisterschüler. Nur so sind die Höchstleistungen zu erklären, wie sie während der einzelnen Konzerte geboten wurden. Bereits die Talentshow mit sechs jungen Preisträgern renommierter Wettbewerbe zeigte sowohl im Klassik- als auch im Jazz- und Rock-Bereich bemerkenswert und über alle Maßen vielversprechend, was wir in Zukunft vom Gitarrenspiel erwarten können.

Sensationelle Guitar Night

Keine Frage, dass die Dozenten in der Guitar Night “Sensationelles” (Professor Alfred Eickholt) lieferten. Professor Gerhard Reichenbach, das Remscheider Ensemble Saitenwind, der Konzertgitarrist Goran Krivokapic sowie das Duo Sabine Kühlich (Gesang, Saxofon) und “Mr.Groove” Adam Rafferty (Gitarre) boten für Sinn und Seele gleichermaßen grandiose kreative und virtuose Kost. Bach wurde bei Reichenbach zur sinnlichen Erfahrung, Saitenwind lieferte anschließend die coolen intellektuellen Schauer, Krivokapic entfachte mit Werthmüllers “Variationen” heimliche Atemlosigkeit, und Kühlich und Rafferty rissen die Leute mit Jazz-Gesang, Saxofon und One-Man-Band-Show inklusive BeatBoxen buchstäblich von den Stühlen.

Im nächsten Jahr sind wir wieder mit dabei.

Grandioser Gitarren-Jazz mit Ali Claudi

Weiberfastnacht hin, Weiberfastnacht her - für die Jazzfreunde war die Jazz Session im Bistro Katt am 3. März eindeutig die bessere Wahl. Kein geringerer als Ali Claudi (68), einer der nachhaltigsten Gitarristen in der deutschen Jazzszene, spielte zur Freude aller Besucher erfrischenden und doch zeitlosen, virtuosen und gefühlvollen Jazz auf seiner fetten Archtop-Gitarre.

Ali und die Gitarre

Ali Claudi-Klein

Ein echtes Sahnestück, wie er mir nach dem Konzert erzählte. Kein Wunder, hat sich Ali Claudi auch als “Tuner” der dickbauchigen Archtop-Gitarre einen Namen gemacht. Mit nur einem Tonabnehmer und lediglich mit Lautstärkeregler ausgestattet, wurde die Gitarre wie Wachs in seinen Händen. Das Gefühl, als wolle sie ihrem Meister beinahe devot zu Willen zu sein, ließ Licks und Läufe, Harmonien und Rhythmik zu einem Ganzen verschmelzen - ein sinnliches Erlebnis. Zusammen mit dem fantastischen Hans-Günther Adam (Hammond Keyboards nebst Pedalbass) und dem in der Umgebung bestens bekannten Schlagzeuger Michael Krautstein - immer ein guter Tipp für jede (Jazz-)Session - lieferte Ali Claudi ein grandioses Jazz-Trio-Konzert ab, das noch lange in der Erinnerung der Wermelskirchener Jazzfreunde bleiben wird. (Foto: Günther Krol)

Musik zum Anfassen

“Die Atmosphäre hier im Katt Bistro ist fantastisch und inspirierend”, sagte Ali. Das war zu hören. Er erreichte mit seinem Spiel und seiner Stimme auch die Ohren fernab jeglichen Jazz-Elitebewusstseins. Die Interpretation solcher Dauerbrenner wie “Georgia on My Mind” (Hoagy Carmichael) und - natürlich - “Take the A-Train” (Billy Strayhorn) zeigten, wie er es schaffte, alle Besucher zu begeistern. “Ich spiele für die Zuhörer, nicht für die Musiker”, erklärte er sein durchgängiges musikalisches Konzept. Und wahrlich: Keine ins Harmoniegerüst hineingepressten Fingerbrech-Akkorde blockierten schräg-künstlerisch wie ein einbetonierter Gartenzaun den Weg der Melodien, sondern hier und da glitt ihm ein “normaler” Septimenakkord vom Griffbrett, der jedem Gitarrenschüler nach den ersten Gehversuchen auch gelingt. Musik zum Anfassen, wie geschaffen fürs Bistro Katt.

Blues-Wurzeln

Claudis musikalische Wurzeln gründen im Blues. Das war zu hören. Die Band begann mit einem Blues, und ein Blues beendete auch ihr Konzert. Der Gitarrist kennt sich nach eigenen Worten in allen Stilrichtungen des Jazz aus und ist im Laufe seiner über 5000 Konzerte mit vielen internationalen Jazzgrößen aufgetreten. Und jetzt hat er also auch in Wermelskirchen gespielt. Da ist Jazzsession-Organisator Michael Regenbrecht ein ganz großer Wurf gelungen.

Weitere Termine

27.3. Mühlheim Kloster Saarn 19.30 Uhr
7.4. Rheydt Vitrine Schmölder Park 19.30 Uhr
23.4. Düsseldorf, Aachener Platz - Trödel 11.30 Uhr
24.4. Hamm, Louis Bar Oststr 14 12.00 Uhr

Fotos zum Nachdenken

Es gibt Fotos, die fristen ein vergessenes, digitales Dasein im Datenfriedhof auf der Festplatte des Computers. Andere Fotos haben es zur kümmerlichen Anteilnahme gebracht. Sie zittern im Familienalbum ihrer Entsorgung entgegen. Und dann gibt es Fotos, die hängen an der Wand. Da hängen sie dann. Ein Tupfer auf der Tapete, ein Flecken auf Weiß, Beachtung heischend.

Fotos teilweise inszeniert

Staatsgewalt 1 SEEDie Fotos des Fotografen Sebastian Eichhorn haben das nicht nötig. Der Betrachter schenkt ihnen mehr als einen flüchtigen Blick. Er bleibt unwillkürlich stehen. Ohne dass er’s bemerkt, knüpfen Eichhorns Fotos Bande. Der Hingucker schenkt dem Bild mehr als einen Gedanken. In seinem Kopf beginnt es zu rumoren. “Einiges ist so gewollt”, erläutert der 30-jährige freie Fotograf. Er habe manche Bilder - für alle gut sichtbar - inszeniert. Einige Themen entwickelten sich erst bei der Nachbearbeitung. Und natürlich gebe es auch Schnappschüsse. Lebte er im Vor-Computer-Zeitalter, dann würde er vermutlich viel Zeit in der Dunkelkammer verbringen.

Fotos erzählen Geschichten

Begonnen hat Eichhorn mit Konzertfotos. Sie zeigen nahezu ohne Ausnahme Saitenzupfer und Schlagzeuger, wie sie in sich versunken zu Werke gehen. Beseelt von Inspiration und der Begierde, sie nach außen zu tragen, wirken die Musiker authentisch. Im Foto scheint die Musik zu schwelgen, der Musikerschweiß beginnt zu dampfen und damit zu riechen, der Stahl der Saiten rutscht über die Zunge des Beobachters - Musik mit allen Sinnen ins Bild gepresst.Ehrenwert SEE
Ein gutes Bild ist für den Fotografen ein “Bild, aus dem der Betrachter eine Geschichte für sich herausnehmen kann”. Solche Geschichten gibt es viele, je nach Perspektive. Auch seine dokumentarischen Aufnahmen vermitteln Geschichten, und natürlich vor allen Dingen die Fotos, die Eichhorn “gesellschaftskritisch” angelegt hat. Die Abbildung mit dem Titel “Ehrenwert” zum Beispiel zeigt eine Frau, die wie hingeworfen auf einem Waldboden liegt. Davor - lediglich angedeutet - ein Mann mit einer Machete in der Hand. Motiv und Titel werfen Fragen auf, betont der Fotograf. Ist es ehrenwert, für die vermeintliche Familienehre ein Menschenleben zu opfern? Und ist die Frau ehrenwert,Dyse-SEE weil sie ihr Leben selbst in die Hand nimmt? Das Foto gibt darauf keine Antworten, die muss sich der Betrachter schon selber suchen. Und zwar bei allen Bildern. Das lohnt sich allemal.

Also: Hin zur Cobra Solingen und angucken. Öffnungszeiten siehe Internet. Die Fotos sind noch bis Sonntag, 28. November, zu sehen. Sebastian Eichhorn ist Student der Fotoakademie Köln und nennt sich selbst seit zwei Jahren Fotograf.
Fotos: Sebastian Eichhorn

Fritz Eckenga trat im Rotationstheater auf

Freibad-Essen

Kein Rettungsreim

Ach, wie schön wär’s, könnt ich’s auch,
locker-flockig Reime bauen,
so spontan ganz aus dem Bauch,
frisch und frei und draufgehauen!
Eckenga! Zeig mir, wie man’s macht,
ohne viel zu denken.
Doch mir versagt sich Dichterpracht,
ich glaub, ich kann’s mir schenken!

Anleitung gegen die Angst

Daniela Arnold und Elisabeth Buchner erzählen in ihrem Bilderbuch, wie der kleine Peter seine Angst überwindet

coverpeterundseinengel

Warum ist es so schwer, sich an Einzelheiten seiner Kindheit zu erinnern? Je länger sie zurückliegt, desto blasser werden Bilder, Eindrücke und Erlebnisse. Vermutlich ist es nicht nur pure Vergesslichkeit, die die Kindheit wie mit Nebelschwaden verhüllt. Manches Grässliche verschwindet in der Versenkung, um nicht als erdrückende Last ein ganzes Leben lang mit herumgeschleppt zu werden. Neugier und grenzenlose Phantasie färben die Welt des Kindes zuweilen von dunkel bis gruselig. Nichts gegen diesen kindlichen Horror - wenn er denn aufgelöst wird. Wie es zum Beispiel Daniela Arnold (Text) und Elisabeth Buchner (Illustrationen) in dem Buch “Mit Peter und seinem Engel durch die Nacht” bewerkstelligen.

Mit dem Engel unterwegs

Ihre Hauptfigur, der 4-jährigen Peter, geht seiner Angst mithilfe eines Engels selbst auf den Grund. Schön, wie die Autorinnen beschreiben, dass logische Argumente Kinder nicht immer überzeugen können.
Peter fürchtet sich vor dem wedelnden Schattengespenst, wenn er abends allein in seinem Bett liegt. Es seien nur Zweige, die der Wind bewegt, erläutert die Mutter und lässt Peter mit seiner Angst vor dem Einschlafen alleine. Da muss sich das kindliche Gemüt selber helfen. Die Rettung kommt in Gestalt des stets schmunzelnden und lächelnden Schutzengels. Er erklärt Peter jeden zweifelhaften Schatten und jede dunkle Ecke.

Freiraum für Phantasie

Die Bilder des Buches sind hierfür eindrucksvoll geeignet: klar, eindeutig und mit leuchtenden Farben. Gleichwohl bleibt noch genügend Freiraum für Phantasie. So lernt der Knirps - und mit ihm hoffentlich auch die kindlichen Benutzer des Buches -, dass hinter den vielen Schrecken in der Nacht ganz natürliche Vorgänge stehen. Während Peters Mutter sie nur beschrieben hat, zeigt der schlaue Engel ihm, wie die Welt mit Kinderaugen begreifbar wird.

Eltern lesen und erklären

Das sollte auch ein Autor tun: Nicht beschreiben, sondern zeigen. Bei diesem Buch müssen das die Eltern übernehmen. Am besten, sie betrachten und lesen das Buch zusammen mit ihren Sprösslingen.
Die Geschichte ist gedacht für Kinder von drei bis sechs Jahre. Sie werden Fragen stellen. Woher kommt der Engel? Hat Peter alles nur geträumt? Oder gibt es den Glitzerstein wirklich, den der Engel ihm zurückgelassen hat? Peters Eltern verweisen seine Erlebnisse in das Reich der Träume. Sie sind erwachsen. Für sie gibt es nur, was auch sein darf. Für Mama und Papa in der realen Welt wird’s anstrengender. Sie sollten nachdenken. Sie können mit Peters Erlebnissen ihre Kleinen an die Hand nehmen, um ihnen die Welt zu erklären. Vielleicht steigen dabei längst vergessen geglaubte Erinnerungen hoch. Ein gute Gelegenheit, gleich mit ein paar übrig gebliebenen Baustellen aus der eigenen Kindheit aufzuräumen.

“Mit Peter und seinem Engel durch die Nacht”
Autorin: Daniela Arnold
Illustrationen: Elisabeth Buchner
Verlag: Dreambook Verlag, Internet:www.dreambookverlag.com
ISBN: 978-3-941974-00-5 (Hardcover)
ISBN: 978-3-941974-01-2 (E-Book)
ISBN: 978-3-941974-02-9 (Hörbuch)
Preis: 12,90 € (Hardcover); 8,90 € (E-Book); 12,90 € (Hörbuch)
30 Seiten, 14 Illustrationen
Format: Hardcover gebunden 297×210 mm
Altersempfehlung: Kinder von 3-6 Jahre

Erscheint am 01. November 2009

Nothing but the Blues

Der folgende Text erschien - ein wenig gekürzt, mit anderem Titel und mit einem anderen Bild - in der Remscheider Bergischen Morgenpost.

“Das ist das erste Mal, dass ich gehörte habe, dass eine Truppe Henrik Freischlader gecovert hat - geil!” Dieser Ausruf des Entzückens kam niemand anderem über die Lippen als Michael Dierks, Wermelskirchener Blues-Papst und Initiator der monatlichen Blues-Session im “Bistro Katt”. Seine Bewunderung galt dem Remscheider Power Blues-Trio “Bootless”. Gitarrero Dietmar Weber (45), Drummer Kai Landau (42) und Bassist Thomas Wischt (49) hatten sich mit vier Stücken - darunter “The Blues” von der bergischen Blues-Koryphäe Henrik Freischlader - für den Opener bei einer der nächsten Blues-Sessions beworben.
Das Publikum reagierte begeistert. Nicht zu unrecht: Die drei Remscheider sind Musiker durch und durch. Sie drückten ihren Stempel auf den Sound von Bands wie Hapu & Friends, seeyou, Jokebox, Reunion sowie Heart Beat und Drop Out. Und jetzt hat sie seit Anfang des Jahres die Wurzel aller Rockmusik - der Blues - unter seine Fittiche genommen. Und es scheint so, als hätten die Drei nur darauf gewartet. Ihr Sound dringt aus den Boxen mit energischem Druck, kompromisslos und mit viel Gewicht und Gefühl. Gespür fürs Erdige und Echte ist auch dabei. Und egal, welches Stück sie spielen - ob Cover oder Eigenkomposition - sie bleiben authentisch bis in die Obertöne. Die “Blue-Notes” dringen durch in tiefere Körperregionen, und so manche Haarspitze richtet sich auf: Gänsehaut-Feeling pur. Logisch, dass sie bekanntere Stücke, darunter “Cocaine” (Clapton), “Sharp Dressed Man” (ZZ Top) und “Mary Had A Little Lamb” (Stevie Ray Vaughn), so zurechtbiegen, als seien sie aus ihrer Feder geflossen. Aber auch jazzigem Robben Ford (”Nasty Habits”) oder gängigen Rock-Nummern wie “Sweet Home Alabama” (Lynyrd Skynyrd) zollen sie wenig Respekt: Wo live “Bootless” draufsteht, ist auch “Bootless” drin.IMG01564

“Wir spielen ehrlich und direkt”, sagt Dietmar, “aber halten uns nicht an alten Zöpfen fest.” Ihre Musik sei “Modern Blues”, betont die Band, wenn sie sich auch nicht in eine starre Schublade pressen lassen will. Blues habe viele Facetten. Der Blues gibt ihnen den Freiraum, stets in Bewegung zu sein, ohne dass der Gesamtsound darunter leidet. Thomas zögert nicht, den “Slap-Daumen”einzusetzen, um seinen 5-Saiter zur rechten Geltung zu verhelfen.
In Dietmars Solos hält sich so mancher Fusion-Lick versteckt, und Kais Drive ist vom standard Blues-Shuffle soweit entfernt wie ein Triangel von einer Bass-Drum. “Bootless” wird spätestens im Frühling 2010 im Katt Bistro zu hören sein. Wer’s bis dahin nicht erwarten kann: Am Samstag, 3. Oktober, lässt es das Trio im POM bei freiem Eintritt ordentlich krachen: Umsonst und unüberhörbar.
Foto per Handy im Proberaum (Sorry für die schlechte Qualität!)
Kontakt: www.bootless-blues.de

Frank Zappa’s Jukebox - The Songs That inspired The Man

Musik durch die Hintertür

Zappa's JukeboxWas beeinflusst einen kreativen Musiker? Alles! In besonderem Maße vielleicht je nach Biografie die Mutter, die Partnerin, die Schwiegermutter, die Oma, die Freundin(nen) und Freunde, die Schule. Und - nicht zu vergessen - die konsumierte Musik. Und zwar jeder Ton, jede Sequenz, jeder Rhythmus, wenn nicht sogar jedes Geräusch, das seinen Weg durch die Hintertür des Unbewussten in das Gedächtnis-Netz der grauen Zellen gefunden hat.

Unter diesem Aspekt ist das Album „Frank Zappa’s Jukebox“ mit dem Untertitel „The Songs That inspired The Man“ ein verwegenes Unternehmen. Es enthält 26 Original-Stücke, die Zappa inspiriert haben sollen. So behauptet es der Musikhistoriker Derek Barker im beiliegenden Booklet. Nur 26 Werke, in 30 Jahren und auf 57 Alben? Natürlich nicht, jeder halbwegs erfahrene Oldie-Gitarrist kennt mehr Melodien, die ihre Spuren in ihm hinterlassen haben. Die Auswahl Barkers kann nur subjektiv sein. Aber das stört nicht, es ist eine gute Auswahl. Nicht willkürlich aus der Luft gegriffen, sondern alles schön mit kleinen Geschichten authentisch erklärt und erzählt. Ein paar sehr bekannte Namen dürfen natürlich nicht fehlen. Aber wen haben Richard Berry („Louie Louie“), Muddy Waters, Johnny “Guitar” Watson und Little Richard eigentlich nicht beeinflusst?

Derek Barker lässt Zappa selbst zu Wort kommen. Er zitiert aus vielen Interviews, die dieser Ausnahmekünstler gegeben hat. Zum Beispiel spielte Zappa 1982 als DJ-Gast zwei Stücke im BBC Radio: Howlin’ Wolf‘ „Asked For Water“ und The Channels „The Closer You Are“. Ein Blues und ein typischer „Doo-Wop“-Song. Warum diese Stücke Zappa gefielen, ist nur zu vermuten. Warum fährt man ab auf schmalzige Beatles-Songs, aber nicht auf „Ein Bett im Kornfeld“? Vielleicht liegt’s ja doch an der Schwiegermutter. Jedenfalls erscheint, so steht’s im Booklet, „The Closer You Are“ in einer Cover-Version auf Zappas „Them Or Us“ und später noch in einer Live-Version auf „You Can’t Do That On Stage Anymore. Vol. 4”. Interessant und spannend. Es macht Spaß, die alten Sachen zu hören und gleichzeitig zu lesen, warum gerade sie auf diesem Album erscheinen.

Unter den Vinyl-Schätzchen der CD - so klingen sie jedenfalls - findet sich auch Musik von Edgar Varese, Anton Webern und Igor Strawinski. Wen wundert’s, „ernste“ Musik schafft sich überall Eingang, sogar bei solchen Gitarreros wie Yngwie Malmsteen oder Steve Vai. Da wäre es schon ein Mysterium, würde Frank Zappa eine Ausnahme machen. Dazu passt der Jazzer Eric Allan Dolphy wie die Kirsche auf die Schwarzwälder-Torte.

Bleibt zu hoffen, dass jeder beim Hören dieses Albums auf den Geschmack kommt und nicht nur Musiker und Hard-Core-Zappa-Fans. Dem eigenen Horizont kann’s nur gut tun. Und das ist immer zu empfehlen.

Diese Rezension erschien auch auf Frank Beckers Musenblättern unter Die Kirsche auf der Schwarzwälder Torte

Frank Zappa’s Jukebox

Label: Chrome Dreams

Titel:
1. The Robins Riot In Cell Block No. 9 3:02
2. Richard Berry Louie Louie 2:11
3. Hank Ballard and the Midnighters Work With Me Annie 2:45
4. Edgard Varèse Ionisation 5:35
5. Lightnin’ Slim My Starter Won’t Work 2:51
6. Clarence “Gatemouth” Brown Okie Dokie Stomp 2:31
7. Don & Dewey Leavin’ It All Up To You 2:15
8. Howlin’ Wolf Asked For Water (She Gave Me Gasoline) 2:51
9. The Channels The Closer You Are 3:04
10. The Clovers Your Cash Ain’t Nothing But Trash 2:56
11. Muddy Waters Louisiana Blues 2:54
12. Cecil Taylor Song 5:21
13. Andre Williams Bacon Fat 3:6
14. The Chips Rubber Biscuit 2:07
15. Anton Webern Bagatelle (opus 9) 1:32
16. Anton Webern Symphony (opus 21) 2:32
17. Four Deuces W-P-L-J 2:46
18. The Turbans No No Cherry 2:35
19. Eric Dolphy Out There 6:56
20. Guitar Slim The Story Of My Life 3:01
21. Johnny “Guitar” Watson Three Hours Past Midnight 3:23
22. Little Richard Directly From My Heart 2:55
23. The Cadets Stranded In The Jungle 3:05
24. Igor Stravinsky Rite Of Spring 1:35
25. Igor Stravinsky Rite Of Spring 1:14
26. Tony Allen Nite Owl 2:45

Gesamtlänge circa 78 Minuten.

Alle Rechte bei Chrome Dreams.

www.chromedreams.co.uk