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Charlotte Ortmann Trio - Flötenzauber

Das Charlotte Ortmann Trio bot einen zauberhaften Auftakt seiner “Ride On” - Release-Tour im Rotationstheater in Remscheid-Lennep.

Charlotte Ortmann ride on 5 - kleinJeder weiß: Die Zauberflöte ist von Mozart und nicht von Charlotte Ortmann. Aber am Freitagabend im Rotationstheater lag sie buchstäblich an den Lippen der 27-jährigen Künstlerin. Zum Auftakt der CD-Realease-Tour “Ride On” legte das Charlotte Ortmann-Trio eine fantastische Live-Präsentation des brandneuen Silberlings auf die Bühne. Die rund 40 Zuhörer reagierten begeistert. Für alle Musiker - Charlotte Ortmann (Flöten), Caspar van Meel (Kontrabass, Ebass), Dominic Brosowski (Schlagzeug) und zusätzlich stückeweise der Saxofonist Dirk Grezius - gab es Szenenapplaus. Das gesamte zweistündige Konzert hing nicht ein einziges Mal durch, alle Stücke lieferten eine respektable Bandbreite und bildeten doch die spezielle Charakteristik eines Charlotte-Ortmann-Sounds. Von hohem Wiedererkennungswert, versteht sich.
Alle Stücke von der Chefin
Darin war alles vorhanden: vom Funky-Start mit rockiger Attitüde über getragener, fast schmachtender Melodie mit gestrichenem Kontrabass hin zu wüst ausuferndem Improvisations-Gedresche. Rhythmen auf den Flügeln spannender Synkopen und sanft fächelnder Regelmäßigkeit gingen dem Publikum in die Beine und ins Gemüt. Alle Stücke hatte die Chefin geschrieben. Charlotte Ortmann moderierte sie im sympathischen Plauderton. Ihre Flötentöne gingen ins Ohr wie ein krabbelnder Tausendfüßler - mit Gänsehautfeeling. Bei vielen Stücken lieferten Bass und Schlagzeug den fundierten Teppich, auf dem sich zunächst das Thema und dann die Soli austoben konnten. Spannung lag in der Luft, wenn Saxofon und Flöte zum Duell antraten und sich zuweilen eine Pause mit blitzenden Unisono-Passagen gönnten. Die Arrangements waren so abgestimmt, dass Bass und Schlagzeug in einer Reihe mit Flöte und Saxofon standen.Charlotte Ortmann ride on 8-klein
Traumhaftes Schlagzeugsolo
Dominic Brosowski lieferte dazu seinen unverwechselbaren Anstrich. Sein Solo - bereits im zweiten Stück - war ein Erlebnis für sich: Beginn mit gedrücktem, zart-rauschenden Wirbel auf der Snaredrum, leise schleichend, irgendwie heimtückisch wie eine hungrige Löwin im Gras. Dann mehr Trommeln und Becken, es wird lauter, schwellend-dynamisch, vertrackter, aggressiver, mit stetig ansteigender Vehemenz. Auf dem Höhepunkt zittern Metall und Fell vor jedem Schlag und erwarten ihn doch sehnsüchtig; die Bassdrum wummert auf der Eins. Alles klingt und scheppert mit, ohne dass die Charakteristik des Stückes den dröhnenden Bach runter geht. Herrlich. Ähnlich legte sich Caspar van Meel auf seinem Kontrabass im Stück “Entfernung” ins Zeug. Wunderbar zu hören, was aus einem dicken Bass herauszuholen ist. Doch auch hier spielte Aristoteles mit: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein stimmiges und harmonisches Konzert der gesamten Band. “Ride On” - “Weiter so!”
[Fotos: Nico Hertgen] Info: www.charlotteortmann.de

Ed Partyka - Songs of Love Lost

Lieder wie die Liebe

Ed Partyka lässt mit seiner Bigband Songs vom Stapel, die stets für eine Überraschung gut sind. Wie die Liebe.

Ed-Partyka-2-Booklet-web“Songs of Love Lost” - Lieder verlorener Liebe enthält dem Titel nach dieses Album des (Big-)Bandleaders Ed Partyka. Die Namen der einzelnen Stücke passen wie die Tränen zum Liebeskummer: Erst ist die Frau in Schwierigkeiten, und zwar viel zu schnell. Danach gibt’s statt trauter Zweisamkeit nur noch einsame Gedanken, dann herrscht Schweigen. Aber aus dem Kopf geht die Liebe doch nicht raus; die Seufzer über die “one and only” Liebe werden lauter, und schließlich hat der Mann den Ärger. Ed Partyka scheint es zu wissen. Der Bassposaunist, Tubist, Komponist, Arrangeur erblickte das Licht 1967 in Chicago. So manche (musikalische) Stationen hat er bereits passiert. Seit 2006 lehrt er als Professor für Jazz Theorie, Komposition und Arrangement in Graz. Er spielte in jeder Menge renommierter Bigbands und Ensembles.

Kein Stück wie das andere.

Und so will bei den Stücken dieses Albums keine gefühlsduselige Schwermut aufkommen. Selbstredend auch keine überbordende Ausgelassenheit. Eher rationale Gespanntheit nach dem Motto: “Und das von einer Bigband?” So wie die Liebe stets für Überraschungen gut ist, ist auch hier kein Stück wie das andere. Das liegt sehr viel an Ed Partykas Arrangements und am faszinierenden Gesang von Efrat Alony. Zwei Jahre habe die Produktion dieser CD gebraucht, schreibt sie auf ihrer Homepage www.alony.de. Schweiß und (vielleicht sogar auch echte) Tränen haben sich gelohnt. Herausgekommen ist ein ungewöhnliches, aber ungemein interessantes und kreatives Bigband-Jazz-Album, bei dem einzig das erste “Woman Trouble” mit normalen Hörgewohnheiten flirtet. Beim Rest ist durchaus konzentriertes Zuhören angesagt. Dann erschließen sich einem subtile und raffinierte Feinheiten um so mehr, je öfter das Album aufgelegt wird. Und dann kann es tatsächlich wie bei der Liebe sein: Lässt man bei den ersten Herausforderungen nicht die Ohren hängen, kommt es doch noch zu einem guten Ende.

Ed Partyka - Songs of Love Lost

Gesang: Efrat Alony
Gastmusiker

1. Woman Trouble 7:51
2. All Too Soon 10:17
3. And Then I Think Of You 12:06
4. Song Shir 9:59
5. Silent Seekers 9:42
6. You Go To My Head 6:39
7. My One And Only Love 6:44
8. Man Trouble 11:38
Gesamtzeit: 41:52

www.edpartyka.com
Photografie: Carola Schmidt
Artwork: www.designladen.com
www.monsrecords.de

“Aufstand im Doppelbett” funktioniert nur zu zweit

Tina Teubner amüsierte nicht nur Frauen

Das tyaufstandplakatphotopische Instrument für die Kabarettistin, Musikerin und Chansonnette Tina Teubner? Die singende Säge. Nicht, weil die Teubner dieses Instrument selbstredend beherrscht wie ihre Violine. Nein. Weil die Zacken der Säge einem Haifischgebiss gleichen. Und weil Tina Teubners zunächst harmlosen Texte mit einem Zack so bissig werden können, dass jedes Haifischgebiss dazu nur grinsen kann.
Tina Teubner setzt so bereits zu Anfang ihres Programms “Aufstand im Doppelbett” Maßstäbe. Sie kokettiert mit ihren 1,62 Metern Körperlänge und singt: “Ich bin so klein, weil ich beim Küssen den Himmel sehen will; ich lege still den Kopf in meinen Nacken, … und du guckst in Hundekacke(n).” So kriegen die Männer während des ganzen schönen Abends in der Katt ihr Fett weg. Und - es ist kaum zu glauben - auch die Männer scheinen es zu genießen. Vielleicht weil Teubners derzeitiger Lebenspartner Ben Süverkrüp mit auf der Bühne sitzt und sie sehr erfolgreich am Piano unterstützt? Wer während des Programms nicht nur Tina im Blick hat, sondern zuweilen auch Ben beobachtet, der stellt schnell fest: Ohne ihn wär’s nur halb so schön. Ben sitzt da, spielt himmlisch Klavier, schaut ihr zu, macht auch schon mal den Souffleur, lächelt vor sich hin und genießt (auch) seine Tina. Da kann sie noch so böse sein wie: “Vor acht Jahren ist das Glück in Form meines Mannes zur Tür hereingekommen - mein Mann ist immer noch da.” Oder diesem virtuellen Klischee-Prachtstück “dialektisch” - also im schlechtesten Hessisch - die Leviten lesen.

Gegenseitiges Verständnis

Der genießende Mann lächelt und schweigt. Er kann sich schon auf seinen Samstagvormittag im Baumarkt freuen und neue Holzverkleidungen aussuchen. Weiß er doch - und das hat uns Tina verschwiegen - dass sie dann endlich ungestört durch ein schwedisches Möbelhaus stromern kann, um die Wohnung mit noch mehr “praktischen” Staubfängern auszustatten, die er dann wiederum baumarktmäßig verkleiden kann. Und wenn Tina und Ben während eines vermeintlichen Paar(ungs)-Streits beide gleichzeitig und exakt übereinstimmend übereinander herfallen, dann steckt darin sehr viel gegenseitiges Verständnis. Und das spürten auch die anwesenden Männer, die zu dieser Ladies Night mitgehen mussten. So legte unvermittelt ein Mann den Arm um seine Partnerin, die eher das Gegenteil der von der Teubner verspotteten, vom Brottrunk genährten Reformhausverkäuferin verkörperte.
Und deswegen, liebe Tina Teubner, haben wir Männer auch das Programm genossen. Weil ein Aufstand im Doppelbett bedeutet, dass darin zwei liegen. Und wir schauen beim Küssen nicht auf Hundekacke. Wir schauen beim Küssen in die Augen der Frau, die dank uns den Himmel sehen kann.
Auftritt: Wermelskirchen, Kattwinkelsche Fabrik, Samstag, 28. April, 2012
[Photo: Tina Teubner]
www.tinateubner.de

Ralph Kiefer - The Soul Session: one

Süßer Senf und Sommerabendwind

1967 brachte der Soulsänger Arthur Conley seinen Hit “Sweet Soul Music” unters Volk. “Süßer” Soul? Das ist wie süßer Senf - erst zuckrig und gemütlich, dann scharf und anregend. Gleichwohl Geschmackssache. “Soul Music” muss sich stets die Frage gefallen lassen: Wo steckt er denn, der Soul? Machen es die musikalischen Rosinen, die Schärfe des Funk, oder ist es das berühmte “Feeling” der Musiker - Phrasierung, Rhythmus und zündende, zuckrige Melodien? Es ist alles und gar nichts; der Soul ist einfach da, und jeder muss ihn für sich selbst entdecken. Wie ein kitschiger Sommerabendwind, der manche kalt lässt, andere zum Frösteln bringt und wieder andere zum Schmelzen. Ralph Kiefers Album “The Soul Session: Cover 1one” hat Sommerabendwind-Funktion. Mit allen Facetten. Der Song “Underneath” zeigt es. Er ist bezeichnend für das gesamte Album. “Underneath”: Das heißt hier “irgendwie da unten”, dort, wo es nicht sofort sichtbar ist. Und dort wird’s interessant. “The power that you have is underneath your skirt”, singt Karl Frierson mit einer Stimme, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Klar, dass das Zwischenmenschliche bei der “Soul Music” eine gewichtige Rolle einnimmt, wie im Leben sowieso.

Geht unter die Haut

Richtig interessant wird etwas immer dann, wenn es etwas zu entdecken gibt. Der Jazzpianist, Bandleader und Komponist Ralph Kiefer hat viel Soul in diesem Album untergebracht. Weit vorbei am herkömmlichen, abgelutschten, weich gespielten Mainstream. Deswegen wird er es so genannt haben. Dieser Soul - wo immer er auch steckt - ist cool, hat Power, geht unter die Haut, reizt den Intellekt, plätschert auch mal vorbei, winkt herüber, streichelt und provoziert. Süßer Senf und Sommerabendwind gleichzeitig. Gut geeignet für das Zwischenmenschliche. Es gibt viel zu entdecken auf diesem Album. Vor allem aber: Soul.

Ralph Kiefer The Soul Session: one
featuring Anaj, Bajka, Declaime & De-Phazz-Singer Karl Frierson

1. Struggles & Blessings Feat. Bajka 4:36
2. Root Down Feat. Kay Fischer 3:21
3. Soul Desire Feat. Karl Frierson 6:03
4. S.O.S. Suite - Intro 1:34
5. S.O.S. Suite - S.O.S. Feat. Declaime 4:32
6. S.O.S. Suite - Take Off And Fly 6:56
7. S.O.S. Suite - Coming Home 3:57
8. Yeahyeahyeah 1:52
9. Woman And Man Feat. Anaj 6:10
10. Underneath Feat. Karl Frierson 4:45
11. Hamjam (Tofu Mix) 5:48
12. Light My Fire 5:10
13. Horse With No Name Suite - Desert Intro 3:01
14. Horse With No Name Feat. Karl Frierson 4:39
15. Horse With No Name Suite - Out Of The Rain 3:09
Gesamtlänge 65:03

Cover Foto: Irene Zandel
Artwork: Thomas Heisecke / Neue Sachlichkeit
www.ralphkiefer.com
www.agogo-records.com

Quadro Nuevo “in Concert” - fast wie im Studio

Wo auf einem Album “in Concert” draufsteht, sollte “live” drin sein. Das aktuellste Album des Quartetts “Quadro Nuevo” ist betitelt “in Concert”. Das ist offenbar für die vier Musiker nicht dasselbe wie “live”. “Fresh from the stage” (frisch von der Bühne), heißt es im Klappentext der CD. Die Bühne befand sich iCoverm Lustspielhaus München des Jahres 2011. Das Album sei während vier Live-Aufnahmen dort aufgenommen worden. “Frisch” allerdings ist etwas anderes. Natürlich, Quadro Nuevo spielen über jeden Zweifel erhaben. Keine Frage: Ob im Studio, ob auf der Bühne - sie können es.

Kein Leben im Zuschauerraum

Doch dieses “Live”-Album transportiert seelenlose Studio-Atmosphäre, wie es angesichts der Klasse des Quartetts nicht zu erwarten ist. Selbst der Beifall nach den Stücken “Canzone della Strada” - hier sogar zusätzlich mitten im Stück nach Percussion-Solo - sowie “Miserlou” und “Paprika” wirkt fehl am Platze. Er klingt wie nachträglich reingeschnitten. Dazwischen keine(!) Ansage, kein Räuspern, kein Stühlerücken, (fast) kein Leben im Zuschauerraum - nichts. Eine stürmisch geforderte Zugabe? Muss erraten werden.
Jeder, der Quadro Nuevo schon mal quicklebendig auf der Bühne erlebt hat - zum Beispiel in der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen -, weiß, wozu dieses Quartett fähig ist. Da wackelt, wenn es sein muss, die Bühne, da schlägt die Phantasie Purzelbäume. Die durch die Musik erzeugten Bilder im Kopf erstrecken sich von Okzident bis Orient und noch viel weiter. Es kommt alles zutage, was irgendwie klingt. Und das Publikum geht angesichts dessen mit. Es kann gar nicht anders, als sich zu bewegen. Rhythmisches Stampfen bearbeitet den Fußboden, das (Mit-)Klatschen der Hände bei Szenenapplaus ertönt aus jeder Ecke, und gigantisches Gejohle am Ende eines Stückes feuert die Musiker an, noch eins draufzulegen. Nichts von alledem ist auf diesem Album zu hören. Zwar wird niemand daran zweifeln, dass dieses Album Quadro Nuevo “in Concert” zeigt, aber es wirkt merkwürdig steril. Da bietet die DVD “Grand Voyage” mit einem visuellen Konzertmitschnitt ungleich mehr.

Mulo Francel: Saxophone, Klarinetten
D.D. Lowka: Kontrabass, Perkussion
Andreas Hinterseher: Akkordeon, Vibrandoneon, Bandoneon
Evelyn Huber: Harfe, Salterio

01. Tu vuo’ fa’ l’Americano - 4:33 (Carosone)
02. Giovanni Tranquillo - 5:01 (Lowka)
03. Luna Rossa - 3:19 (Matassa/Vian)
04. Sultana - 5:27 (Quadro Nuevo)
05. Canzone della Strada - 5:11 (Francel)
06. Paroles, Paroles - 5:43 (Ferrio)
07. Miserlou - 5:58 (trad./Arr.: Quadro Nuevo)
08. Prinzessin Josefina - 6:13 (Hinterseher)
09. El Choclo - 6:00 (Villoldo, Arr. Quadro Nuevo)
10. Susannata - 5:38 (Francel)
11. Cancao do Mar - 7:03 (Trindade)
12. Paprika - 5:53 (Francel)
13. Gracias a la Vida - 4:20 (Parra Sandoval)
14. Für mich soll`s rote Rosen regnen - 3:11 (Hammerschmid)
Gesamtlänge 73:38

www.quadronuevo.de
Cover: Mike Meyer
Label: www.glm.de Fine Music

Oliver Maas Trio - “liegend” liefert Lähmung

Oliver Maas Trio - “liegend”

Zwölf Jazz-Stücke, eines fast schöner als das andere: Ruhig, elegisch, subtil, fein, zart und was einem sonst noch an beschreibenden Adjektiven einfallen mag, geleiten den Hörer hinweg aus dem grauen Alltag hinein ins bunte, sanft geschwungene eigene Traumland. Gespickt mit Elfen, Feen und allerlei wundersamen, gleichwohl gar anmutig anzuschauenden Wesen. Wer solche schwülstigen Worte mag, dem wird auch dieses Album gefallen. Nicht, dass es kitschig klingt. Es ist eher spärlich, gleichwohl raffiniert konstruiert.

Wer hört, wer spielt “liegend”?

cdhuelleEs ist die Atmosphäre dieses Albums, die beeindruckt und beein-drückt. Und zwar je nach Stimmung des Hörers. War er vorher auf hundertachtzig, nähert sich sein Puls anschließend gefährlich der Niedrigblutdruckuntergrenze. Und schwebte er vor dem Hören des Albums leichtfüßig von dannen, dann befindet er sich “liegend” jetzt im Koma. Vielleicht daher der kryptische Titel “liegend”? Dass die exzellenten Jazzer die Titel im Liegen eingespielt haben, scheint schwerlich möglich. Also kann es nur die Wirkung auf die Genießer dieser subtilen Kleinode eines Cool Jazz, getragen von Piano, Bass und Drums, beschreiben. Sei’s drum. Egal, wovon sich Oliver Maas bei der Titelgebung hat inspirieren lassen, das Album trägt an der bleischweren Bürde des Guten zu viel. Nur ein Stück - “techeles” - bringt Schwung in die auf Halbmast wehenden Lider, die anderen, hintereinander weg gespielt, eignen sich höchstens als Ausgleichs-Hintergrundmusik für ein besonders feuriges Stelldichein. Einzeln genossen sind sie dagegen genau die richtige Dröhnung, um mit sanften Bildern im Kopf kontemplativ hinwegzusegeln.

Und hier noch ein paar spontane, am Karfreitag verfasste Zeilen, während “liegend” ablief:

“Liegend” auf dem Sofa hörte ich
des Albums schöne Melodei,
da überkam’s mich liederlich
wie durch des Schlafes milde Arzenei:
Ach du cooles, dickes Ei!

Oliver Maas - Piano
David Andres - Kontrabass
Patrick Hengst - Schlagzeug

1 länder und ränder 4:30
2 nils 3:55
3 im grund 6:00
4 von hinten nach vorn 4:32
5 weihmorgen 3:44
6 techels 1:40
7 mirakel 6:05
8 liegend 4:25
9 schmatterlock 4:27
10 phasen 3:50
11 endlos 1:53
12 der kleine däumling 2:08

Gesamtlänge 47:11

www.olivermaas-musik.de
Label: jazzsick.com
Cover-llustration: Mert Akbal

Musik aus Myanmar - ein Geheimnis für westliche Ohren

Faszinierend - ein Ausdruck für ein ganzes Konzert. Das Publikum im Remscheider Teo Otto Theater reagierte nach dem Auftritt des Aye Su Kyaw Trio aus Myanmar (auch Birma oder Burma) interessiert. Ein Zeichen dafür, dass das Repertoire des Trios zwar nicht den Kopf erreicht, dafür aber um so mehr mit seinem fernöstlichen Charme die Gefühle verzaubert hatte. So manche(r) wollte wissen, wie die Töne zustande kamen, die Aye Su Kyaw ihrer birmanischen Bogenharfe Saung Gauk entlockte. Auch die Machart der synchron zur Harfe gestimmten sechs Trommeln interessierte. Pat Waing schlug auf ihnen vollständige Melodien - zum Teil in atemberaubender Geschwindigkeit. Der Dritte im Bunde war Ko Kyaw Myo, zuständig für Rhythmus und Tempo. Er schlug abwechselnd auf einem kleinen Holzklotz und einem noch kleineren Becken.
Aye Su Kyaw IMG 4498 1000Das Lächeln der Aye Su Kyaw
Während des Konzerts waren die Leute aufs Zuhören und Zusehen angewiesen. Die Musiker waren ohne ein einziges gesprochenes Wort auf der Bühne erschienen. Und ohne dasselbe verschwanden sie auch wieder. Keine Ansage, keine Erklärung - nichts. Dafür ein Lächeln. Aye Su Kyaw war vermutlich mit ihrem Lächeln geboren worden. Es war keine Maske, weder aufgesetzt noch eingegraben, es war einfach da. Sie spielte mit diesem Lächeln, riss dabei die Augen auf, schaute ihre Zuhörerschaft an, sang und zupfte - eben faszinierend. Pat Waing trommelte teilweise unisono die für unser Gehör komplizierten Melodien mit. Und wenn er sein anderes Instrument, die Flöte Khlui, blies, dann steigerte sich die Intensität der Harfentöne um ein Vielfaches. Geschwindigkeit und Taktarten variierten mitten im Lied. Zuweilen klang es, als hätte Ko Kyaw Myo daneben geklopft. Mitnichten. Er kehrte nach dem Konzert zurück. Er hatte offensichtlich das Interesse der Zuhörer am Instrumentarium bemerkt und beantwortete Fragen auf Englisch. Natürlich lächelte auch er.
Wie Wind durchs Glockenspiel
Und wie klang die Musik? Schwer zu beschreiben. Am Anfang war es, als fege Wind durch ein aufgehängtes östliches Bambus-Glockenspiel: zufällig klimpernd, mal einzelne Töne, mal alle zusammen, mal heftig, mal zart. Nach einigem Einhören wurden dann Strukturen hörbar - Trommeln und Harfen ergänzten sich, spielten zusammen; der Gesang legte sich darüber wie ein Schleier, als ginge es, ein Geheimnis zu bewahren. Südostasiatische Tempel erschienen vor dem inneren Auge, darinnen anmutige Zeremonien, überall Pracht und Blüten, Sonne und Wärme. So mag es eine begeisterte Dame vor ihrem inneren Auge gesehen haben. “Da will ich hin”, sagte sie.
[Foto: Frank Becker]

Alberto Menéndez Band - “Alles wird gut”

Alberto Menéndez Band: “Everything will be allright”

Saxophon, Orgel, Klavier und Schlagzeug - mehr ist nicht nötig, um coolen Jazz zu machen. Kann sein, muss nicht sein. Keine Frage, auf diesem Album “Everything will be allright” des Saxofonisten Alberto Menéndez funktioniert es. Einer der beiden Tastenjünger - Jean-Yves Jung (Orgel) leider nur auf Track 1, Markus Becker (Klavier) - bedient sie en passant, die tiefen Töne.
Cover-FrontMenéndez, geboren 1970 in Spanien, lebt seit seinem Studium an der Musikhochschule in Mannheim. Er verdiente sich seine Sporen in der Big Band von Peter Herbolzheimer, in der hr-Bigband (”hr” steht für “Hessischer Rundfunk”) sowie auch in verschiedenen Pop-Rock Projekten. “Everything will be allright” ist sein ureigenes Ding. Die Stücke klingen. Mal groovig, mal richtig cool, auch mal seicht-poppig, manches mit Ernst gespielt, und immer interessant. Nicht zuletzt der Verdienst des gut aufgelegten Schlagzeugers Jean-Marc Robin.

Vorzügliches Material

Aber wenn’s jetzt doch einen Bass, einen richtigen (Saiten-)Bass gäbe? Im direkten Vergleich käme es dann voll ans Tageslicht - das, was in den selbst komponierten Stücken wirklich steckt. Das Material ist vorzüglich. Nichts für eine wild und wüst drauflos gespielte Improvisationsorgie; gleichwohl finden weich gespülte Schmuselinien keinen festen Boden. Die Musiker spielen unaufgeregt, lassen es laufen, aber nicht weg-laufen. Schönes Beispiel: “Postcard”. Das Stück kündet von vielen musikalischen Gefilden. Das Zuhören fällt so leicht wie das Betrachten einer Urlaubspostkarte. Alles drin, alles drauf, ohne sich in nervende Details zu verlieren. Und so, wie einem ein bunter Kartengruß selten dazu verleitet, spontan die Koffer zu packen und abzudüsen, bleibt auch hier der Genießer sitzen. Vielleicht entkorkt er eine neue Flasche Rotwein, aber torkelnd durch die Wohnung brüllen? Das passiert nicht. Warum? “Everything will be allright” - alles wird gut.

Alberto Menendez - Tenor & Sopransaxofon
Jean-Yves Jung - Orgel
Markus Becker - Klavier & Mac Book Pro
Jean-Marc Robin - Schlagzeug

1 Open Al 4:23
2 Far from Bilbao 6:53
3 The Seeker 5:46
4 Postcard 5:38
5 Hey Baby What Time Is It 6:36
6 Freedom for Al 3:11
7 Everything Will Be Alright 6:03
8 Urban Groove 7:13
9 Far from Bilbao (Alternate Take) 6:34

Gesamtlänge 52:17
Cover-Design: Der Gestalter
Label: www.rodensteinrecords.de

EARS im Rotationscafé - Jazz faustdick hinter den Ohren

Von Remscheid-Lennep bis nach Eisenach sind es über 300 Kilometer; von Remscheid-Lennep Alter Markt bin ins Rotationscafé keine 90 Meter. So weit war neulich im Durchschnitt Spitzenjazz mit Musikern des Eisenacher Jazzclubs “Posaune” für einen Lenneper entfernt. Eisenacher Jazzern geht nicht zuletzt aufgrund des dortigen Internationalen Jazzarchivs ein guter Ruf voraus. Es war also jazzig Ansprechendes zu erwarten von Peter Ortmanns “The Eisenach-Remscheid-Jazzconnection” (EARS).
pic1328554899Damit lohnte sich für jeden Jazzfreund aus der näheren und weiteren Umgebung der Weg ins Rotationscafé. Kein Wunder also, wenn es aus allen Nähten platzte. Stanley Blume, Altsaxofonist aus Eisenach und unter anderem Dozent für die Landesjugendjazzorchester Thüringen und Sachsen, vertrat die Eisenacher Jazzszene glänzend. So wie auch die bergischen Jazzer sich nicht lumpen ließen: Charlotte Ortmann, diesmal nur mit der Querflöte bewaffnet, Dominic Brosowski (Schlagzeug) und Peter Ortmann (Piano). Den Kontrabass zupfte Caspar van Meel. Er hat sich bei den Leverkusener Jazztagen bereits einen Namen erspielt und verfügt über enge Kontakte zur hiesigen Szene. Deswegen zählen wir ihn augenzwinkernd einfach mit zu den bergischen Jazzern. So sympathisch, wie er rüberkam, wird er’s verschmerzen.

Temporeicher Jazz aus einem Guss

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Das Konzert kam einem Heimspiel gleich. Um bei der sinnigen Abkürzung EARS zu bleiben: Die Musiker hatten es musikalisch faustdick hinter den Ohren, das Publikum konnte nur noch mit denselben schlackern. Das Wechselspiel zwischen Flöte und Saxofon geriet zum intimen, kreativen Meisterstück. Festzustellen, wer zwischen beiden den Ton angab, bedeutete spannenden Voyeurismus. Dazu wurde das Piano immer wieselflinker, der Kontrabass satter, fundamentaler, kreativer, und das Schlagzeug hämmerte ganze Themen mit. Ein Stück wie “Dein ist mein ganzes Herz” mutierte zum Jazz-Lehrstück. Jedes EARS-Mitglied zeigte sich von seiner besten Seite - aber zusammen präsentierte die Band bunte, temporeiche Jazz-Bilder aus einem Guss, wie in Fels gehauen. Grandios diese Dynamik - die Instrumente folgten dem Wechsel von knüppelharten Drumsticks zu streichelnden Besen wie gezähmte Wildpferde, die das Tänzeln nicht verlernt hatten. Sie bewiesen es sofort, wenn der Bass die Wendung zu einem tragenden Swing auch nur andeutete - und ab ging eine neue Parforcejagd über Synkopen und Bebop-Linien, über verschlungene Melodien und beruhigenden Groove hin zu besonnener Klarheit mit einer geradezu anmutigen Stärke.
Das Publikum ging sachkundig und begeistert mit. Die meisten werden auch in der Erinnerung noch von diesem Konzert schwärmen.

No Country for Old Listeners

KJ Dave Doran & Christy Doran “XL target”

Das Leben ist voller Überraschungen. Wer diese Binsenweisheit nicht mehr hören kann, es sei denn, in der Musik, dem sei dieses Album empfohlen: “XL target” von KJ Dave Doran & Christy Doran. Der Irisch-Schweizer Jazz-Schlagzeuger Christy Doran liefert hier zusammen mit seinem Bruder Christy, einem der kompromisslosesten Schweizer Guitar-Heroes, ein Album ab, das voller Überraschungen steckt. Egal, von welcher Seite sich ihm der Hörer nähert. Derjenige, der die beiden kennt, erwartet vermutlich progressiven Jazz-Rock, musikalisch vertrackt und verwoben bis in die letzte Windung der Gehör-Schnecke. Der, der sich nach den ersten Takten unbedarft in den Sessel streckt, wird sich mit schottischem Malt direkt aus der Flasche wCover XL targetohlig den Chillout Rhythmen des Anfangs widmen.

Surprise, Surprise!

Den Jazz-Hörigen fallen zunächst die Augen zu, den Chillern bleibt (hoffentlich nicht!) die Flasche im Halse stecken: Nach und nach wird’s richtig interessant. Und zwar für den, der mit beiden Ohren offen ist für alles, was jenseits des Mainstreams plätschert.

Solistische Freiheiten durch Samples

Nach eigenen Worten löst sich KJ Dave Doran (wofür steht eigentlich “KJ”?) von der klassischen Rolle des Schlagzeugers - er setzt Samples als Teil der Rhythmusgruppe ein und will dadurch mehr “solistische Freiheiten” erhalten. Das ist zwar so weltbewegend neu auch nicht, aber wie Dave es anstellt, eine Offenbarung. Keine Spur von stupiden, seelenlosen Samples - stattdessen ein authentischer Drum-Mix jenseits Grenregrenzen: Dave Doran Ex Machina. Zusammen mit Christy Dorans eigenwilliger, zuweilen bepop-jazzig sowie mit vielen Loops verschroben gespielter Gitarre klingen damit extrem “groovige” Sounds aus den Boxen. Nicht direkt auf breit getrampelten “urban jungle”-Pfaden schlurfend, sondern über die verschlungenen Wege naturwüchsiger, bizarrer Landschaften. Dem Gitarristen sei Dank. Gleichsam “No Country für Old Listeners” - kein Land für eingefahrene Mainstream Jazzer, aber erst recht nicht für glasig blickende Chillout-Junkies.

KJ Dave Doran & Christy Doran “XL target”

KJ Dave Doran: drums, samples
Christy Doran: guitar

1. Massive 4:59
2. Breath 4:01
3. ARP 4:54
4. Transform 6:14
5. Bourbon 4:29
6. Btz79 3:56
7. Cyberdrone 3:48
8. December 5:43
9. Bedder 3:46
10. Chemical 3:00
Gesamtlänge: 44:58

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