Mutz & The Lurking Extras – Gitarrensound zwischen Retro und Moderne

Ja, wer „lurkt“ denn auf dem Album „Mutz & The Lurking Extras“ um die Ecke? Ohne Zweifel, es sind die „Purple Sex Heads“. Kein Wunder: Der (Glatz-)Kopf ist derselbe Mutz. Ob der Solinger damit die „Purple Sex Heads“ endgültig zu Grabe trägt, soll an dieser Stelle egal sein. Jedenfalls ähneln sich Stimme, Gitarre und Sound. Gott sei Dank sind sie nicht selbstähnlich. Dann müssten wir die Chaostheorie bemühen. Aber mit Chaos hat dieses Album ebenso wenig zu tun wie mit Mutters frisch gebügelter Tischdecke. Dafür um so mehr mit Überraschung.

Es macht einen Riesenspaß, sich durch die 13 Tracks zu hören. Die Abwechslung regiert und vor jedem neuen Stück steigt die Spannung: Was gibt‘s denn diesmal? Es ist vieles drin, was der Jugend ab den 60ern im Laufe der Jahre in die Köpfe und Beine ging: Beat-Musik, Country, Rock, Ballade und Pop. Mutz und seine retro klingende Silvertone-Gitarre bleiben sich treu. Die Gitarre ähnelt in Sound und Erscheinung der Burns-Gitarre, der seinerzeit Hank Marvin von den Shadows seine schwebenden Hall-Sounds entlockte. Und das kann Mutz bestens, besonders mit dem eingebauten Tremolo. Seine Begleiter scheinen die „Lurking Extras“(lauernde Extras) zu sein: Philip Mancarella (Piano und Synthesizer) und Nico Stallmann (Schlagzeug). Worauf sie lauern, bleibt unklar. Vielleicht auf ihre Einsätze. Aber so kompliziert sind sie nicht. Dafür sind die Songs um so schöner.

Fast jedes Stück erinnert an irgendeinen Song oder Sound, den man glaubt, schon mal irgendwann, irgendwo gehört zu haben. Man könnte glatt ein Ratespiel daraus machen. Das klingt doch wie…? Doch dieser Eindruck ist falsch. Es klingt wie Mutz. Der Mann hat das Talent, aus seinen musikalischen Wurzeln neue – wirklich neue – Ideen zu entwickeln, die gleichsam Alt und (Mittel-)Jung erfreuen. Ab und zu scheint David Bowie ein paar Töne einzuwerfen, hier und da zupft ohrenscheinlich Hank Marvin filigran die Saiten und im Song „Check Me Out“ schrubbt vielleicht der tote George Harrison die Rhythmus-Gitarre im „Twang“-Stil. In der Mitte geht‘s ab in ein atemberaubendes Rennen zwischen Keyboard-Bass und Gitarre. Herrlich. Und Nico Stallmann trommelt nostalgisch wie seinerzeit Doug Clifford von Creedence Clearwater Revival. Zusätzlich lauern auf der Lebenslinie dieses Albums zwischen Retro und Moderne zum Erstaunen des Hörers weitere Schmankerl: Auf „Something is Wrong with My Spaceship“ sternenschimmert Bowies Major Tom aus „Space Oddity“, hinter „Mexico by UfO“ klingelt Country-Gezupfe, und auf einen sanften Schlagerchor mit „Sha-la-la“ in „Surprising Charlie“ folgt ein wüstes, verzerrtes Gitarrengedresche. Der Hörer lernt auch etwas: In der Ballade mit dem kryptischen Titel „PRGYAFA“ macht sich Mutz lustig über die einstigen Revoluzzer Johnny Rotten (Sex Pistols) und Robert Smith (The Cure) mit ihrem „fat ass“. Nur der Rocker Joe Strummer (The Clash) hat den „fat ass“ durch seinen frühen Tod vermieden.

Hail! Hail! Rock ‚N‘ Roll“, möchten ich und andere schreien. Am schönsten aber kommt das gepflegte „King of Sleep“ rüber. Es stimmt alles: von der Melodie über Rhythmus und Refrain bis zum schmusigen Arrangement. Ein Pop-Song, der sofort anspringt wie eine lauernde (lurking) Wildkatze. Und auch hier: Hinter der Fassade geht‘s mit Piano- und Gitarren-Part auch mal aufwachend kapriziös zu. Aber den „King of Sleep“ sollte man nicht aufwecken, singt Mutz. Egal: Der Song ist so schön, ich möchte mich am liebsten träumend dazulegen.

MUTZ & the LURKING EXTRAS
Album Valve Records #7687

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