Hamlet-Musical – Das Wort fliegt auf, der Sinn hat keine Schwingen

Das soll „Hamlet“ sein? Eine Tragödie? Kein zappendusteres Szenario, keine ellenlangen, gedankenschweren Monologe, keine schwebende, Unheil prophezeiende Melancholie über der Bühne? Hätte jemand im nicht allzu vollen Saal des Teo Otto Theaters bereits zu Anfang angesichts der Kostüme und Musik gerufen: „So ein Wahnsinn!“ – ihm hätte Sascha von Donat, der Regisseur dieses „Hamlet-Musicals“ der Opernwerkstatt am Rhein, beruhigt antworten können: „Ist dies schon Wahnsinn, hat es doch Methode.“
EnsembleNatürlich haben sich von Donat und sein Team etwas dabei gedacht, „Hamlet“ als Musical aufzuführen. Und zwar als ein genau solches: ohne eigens dafür komponierte Melodien, sondern mit ziemlich aktuellen Liedern des Pop-Zeitalters von Adele bis Talking Heads. Ohne originalgetreue historische Kostüme, stattdessen mit herrlichen Fantasiekonstrukten wie eine wilde Mischung aus Utensilien einer Altmetallsammlung, weggeworfenen Edelfetzen Düsseldorfer Secondhand-Boutiquen und Kostümteilen abgesagter Karnevalsumzüge. Alles zusammen „Steampunk als richtungsweisende Idee“ (Kostümbildnerin Dorothea Nicolai). Das Resultat: Farbenfrohe Figuren, denen der Shakespearsche Text genauso expressiv von den Lippen fließt wie etwa die gesungenen Melodien von „Let me entertain you“ (Robbie Williams) oder „We are on a Road to Nowhere“ (Talking Heads). Und mit dem Degen richtig gut umgehen können Hamlet (Fridtjof Bundel) und Laertes (Ansgar Sauren) auch noch.
TotengräberSo ist hier Shakespeare drin, wo Shakespeare draufsteht. Dieses Musical packt die Zuschauer an den Hörnern – die Tragödie kommt rüber. Die Popsongs sind aufgrund ihres Textes ausgewählt – sie passen zur Handlung wie die Waffen zum Kampf. Natürlich versteht nicht jeder Besucher alle englischen Songtexte. Gleichwohl verfehlen die Lieder ihre Wirkung nicht. Wenn die bereits irre Ophelia (Neele Pettig) Cat Stevens‘ „Lady d’Arbanville“ schluchzt, dann wissen alle, wie es um sie bestellt ist. Herrlich auch der Song „Paradise by the Dashboard Light“ (Meat Loaf/Ellen Foley), den Ophelia und Hamlet zusammen schmettern. Er zeigt das Wahnsinnsende dieser Beziehung. Für dramaturgische Komik sorgt das wie siamesische Zwillinge aneinandergeschweißte Paar Rosenkranz (Thomas Wißmann) und Güldenstern (Lisa Lehmann). Das imposante blutrünstige Ende mit Gift und Degen ist spannend, dramatisch und setzt der Tragödie die Krone auf. Das Publikum honorierte die Leistungen des Ensembles, der Liveband und des gesamten Teams mit begeisterten stehenden Ovationen. Der Rest ist Schweigen.
[Fotos:Opernwerkstatt am Rhein]

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